Geschichte und Bild des Monats - Januar

Die lebensfrohe Hortensienblüte

Eine Hortensienblüte verstand es vorbildlich, aus jedem Abschnitt ihres Lebens das Beste zu machen. Sie kostete jeden Moment ihres Daseins voll aus. Jede Wandlung ihres Äußeren, die im Lauf des Lebens unausweichlich ist, nahm sie als etwas ganz natürliches hin. Vielleicht wurde sie mit den Wochen und Monaten etwas reifer und weiser, aber im Inneren blieb sie dieselbe junge und lebensfrohe Blüte.

 

Im Frühling, als sie noch eine ganz kleine Knospe gewesen war, war sie so sehr von Vorfreude auf den Sommer erfüllt gewesen, wie die Kinder, die täglich zu ihr kamen und darauf warteten, dass sie endlich ihre Blüte öffnen würde. Sie war gewachsen und gewachsen und hatte eine wunderbare Zeit mit den anderen Knospen und der wärmenden Sonne gehabt.

 

Im Sommer hatte sich die Blüte dann endlich öffnen dürfen. In strahlendem Pink hatte sie geleuchtet. Viele waren gekommen, um sie zu bewundern.

 

Als der Herbst anbrach, verlor sie nach und nach ihre farbige Pracht. Sie beobachtete, wie andere Blüten den Kopf hängen ließen und sich darüber beklagten, dass die besten Zeiten vorbei wären. Viele alterten rasch. Doch die Blüte war über die Änderungen in ihrem Äußeren nicht betrübt. Im Gegenteil, jetzt wurden die Adern ihrer Blütenblätter sichtbar und verliehen ihr einen ganz neuen Reiz, besonders wenn die Sonne durch sie hindurchschien. Die Zeiten änderten sich. Sie wurde älter. Es kamen weniger Besucher. Aber sie hatte nichts von ihrer Lebensfreude verloren.

 

Auch im Winter ließ die Hortensienblüte noch immer nicht den Kopf hängen. Vielmehr reckte und streckte sie sich in den Nächten, um die schönsten Eiskristalle einzufangen. Diese sammelten sich bereitwillig an den Rändern ihrer Blütenblätter. Im Schein der aufgehenden Sonne erstrahlte sie in einem ganz neuen Antlitz. Auch bei alterndem und verändertem Äußerem blieb sie im Inneren bis zum Schluss dieselbe Junge Seele. Sie konnte noch immer jeden erfreuen, der bereit war, sie zu betrachten. Erst als das nächste Frühjahr anbrach, machte sie ganz selbstverständlich der nächsten Blütengeneration Platz.




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