Geschichte und Bild des Monats - Mai

Die eigensinnige Seiltänzerin

In ihren kunstvoll gewobenen Netzen warteten einige Spinnen auf Beute. Sie waren sehr gierig, daher hatten sie sehr große Netze gesponnen. Mitunter stritten sie sich auch um die besten Plätze und wetteiferten, in wessen Netz sich die größte Beute verfing. Manchmal kamen andere Spinnen und wollten ebenfalls ihr Netz in der Nähe spinnen. Doch dies ließen die bereits ansässigen Spinnen nicht zu und jagten die Neuankömmlinge fort. Das Leben der Spinnen wurde beherrscht von Gier, Neid, Konkurrenzkampf und Größenwahn.

 

Eines Tages kam wieder einmal eine Spinne des Weges. Die Spinnen versuchten, sie mit allen ihren Mitteln zu vertreiben. Doch es gelang ihnen nicht. Also zogen sie sich zurück und beobachteten die Neue. Sie hofften, ihr eine Falle stellen zu können. Doch wie verwundert waren Sie, als die Neue kein Netz spann, sondern nur einen einzelnen langen Faden. Sie fing auch keine Insekten, sondern begann, auf ihrem Faden zu tanzen und machte akrobatische Kunststücke.

 

"Wer ist das?", fragten die Spinnen. "Und was tut sie da?"

Die Spinne hörte das Getuschel und rief hinüber: "Ich bin eine Seiltänzerin."

"Eine was …?", die anderen Spinnen konnten es nicht glauben.

"Alle Spinnen sind Jäger", sagten sie, wie aus einem Munde.

"Ich nicht. Ich bin eine Seiltänzerin."

Die Spinnen waren irritiert, so etwas hatten sie noch nie gehört.

"Aber von was lebst du? Vom Tanzen allein wirst du kaum satt werden!"

"Was wirst du auf diesem Weg schon erreichen? Du wirst es nie zu etwas bringen!"

"Du spinnst doch!"

 

Die Seiltänzerin wartete in aller Ruhe, bis die Spinnen sich ein wenig beruhigt hatten, dann sprach sie: "Das Tanzen auf dem Seil ist mein Lebenselixier. Der Sinn meines Lebens ist es, andere mit meinen Künsten zu erfreuen und ihnen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Wo immer ich auftrete, mache ich andere glücklich. Das ist mehr als genug für mich." Nach einer Pause fügte sie hinzu: "Immer nur auf Beute lauern und miteinander wetteifern – macht euch das wahrhaft glücklich? Was ist es, das eurem Leben einen Sinn gibt? Habt ihr euch das schon einmal gefragt?"

 

Am Abend gab sie ihre Vorstellung. Immer mehr Zuschauer kamen und waren von ihrem Können begeistert. Sie tanzte die ganze Nacht hindurch. Im Morgengrauen gab sie eine letzte Zugabe, in welcher sie mit einigen Tautropfen jonglierend über ihren Faden balancierte. Der Applaus und die Jubelrufe waren ein einziges Tosen. Die Seiltänzerin verbeugte sich und blickte zufrieden in die glücklichen Gesichter. Nur die anderen Spinnen lächelten nicht – sie waren neidisch.




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