Ein Waldspaziergang mit bitterem Nachgeschmack

Ein paar Meisen zwitschern aufgeregt, Sonnenstrahlen dringen durch die herbstlichen Baumkronen. Es ist ungewöhnlich warm für Ende Oktober. Ich spaziere durch den heimischen Wald. Wie so oft habe ich meine Kamera dabei. Ich lenke meine Aufmerksamkeit auf die kleinen Dinge, welche man leicht übersieht, wenn man sich nur auf die Großen konzentriert.

 

Im Unterholz finde ich Hagebutten, orange-rote Vogelbeeren und die roten Beeren des Schneeballs. Als ich den Waldrand erreiche, recken mir Wilde Möhren und Berufskraut ihre weißen Blüten entgegen. Die Wärme hat sie noch einmal zum Blühen angeregt. Begeistert packe ich meine Kamera aus und fotografiere. Dabei setze ich meine Füße ganz behutsam in die Nähe der Blumen, zuvor biege ich einige Gräser zur Seite. Ich will nichts zertreten. Einige Acker-Kratzdisteln überraschen mich. Oft bleiben ihre Samen am Blütenkopf hängen und verkleben. Doch diese haben ihre kuscheligweich anmutenden Samen in weißen Teppichen verstreut.

 

Mein Weg führt am Waldrand entlang weiter. Oder zumindest war zu meiner linken Seite einst Wald. Heute ist es nur noch ein gerodeter Hang mit niederem Gestrüpp. Zwischen Indischem Springkraut, Brombeerranken, Himbeeren und Holundersträuchern entdecke ich alte Baumstümpfe, deren Durchmesser sicher zwischen 70 und 90 Zentimeter messen. Was für eine Sünde, solche Bäume zu fällen.

Ich bin froh, dass ich nun ein Naturschutzgebiet erreiche. Neben meinem Weg plätschert ein kleines Bächlein und der Wald wirkt wilder und urwüchsiger. Ich richte all meine Gedanken auf den Wald. Nehme seinen erdigen Geruch war. An einer Stelle riecht es intensiv nach Pilzen. Mit meinen Fingern betaste ich die raue Rinde einer alten Eiche. Erst als ein kühler Wind aufkommt, erwache ich aus meinem Waldtraum und entdecke die herbeieilenden Wolken.

Ich richte meinen Blick wieder auf den Waldboden und gehe weiter. Bald werde ich am Ende meines Spaziergangs angelangt sein. Ich verlasse das Naturschutzgebiet und trete wieder in einen ungeschützten Wald ein. Jäh bleibe ich stehen, denn vor mir auf dem Weg liegt eine tote Spitzmaus. Vorsichtig lege ich ihren kleinen, von winzigen Tautropfen überzogenen Körper an den Wegrand, damit niemand auf ihr herumtrampelt. Was mag ihr zugestoßen sein?

 

Plötzlich ertönt in der Ferne Motorenlärm, gefolgt von krachendem Holz, zu Boden stürzenden Ästen und dem dumpfen Aufschlag eines umstürzenden Baumes. Das gefällt mir überhaupt nicht. Mir reicht, was ich höre und hoffe, dass mir der Anblick erspart bleibt. Schon bedecken Wolken die Sonne und es wird spürbar kälter. Mich fröstelt es. Ich schließe den Reißverschluss meiner Jacke, doch es hilft nur wenig. Als ich um die nächste Ecke biege, zieht ein monströses Fahrzeug gerade mehrere Baumstämme aus dem Wald und türmt sie am gegenüberliegenden Straßenrand auf. Zurück bleiben eine breite Schneise und tiefe Spurrillen. Es stinkt nach Abgasen. Warum muss ein schöner Spaziergang so tragisch enden?

Nun ja, es ist ein Forst und kein Schutzgebiet. Die Bäume werden wie in Plantagen gezüchtet, mit dem einzigen Ziel, eines Tages gefällt zu werden und als Rohstoff zu dienen. Das ist zumindest das Interesse der Forstindustrie. Was die Bäume davon halten, frage wohl nur ich. Ebenso, wie es den Tieren geht, die auf und unter diesen Bäumen ihr Zuhause haben.

 

Schade, dass wir hier in Deutschland keine richtigen wilden Urwälder mehr haben. Sogar in ganz Europa gibt es kaum noch welche und die Letzten sind auch noch von Abholzung bedroht, so wie in Rumänien. Ich erinnere mich an die Kampagne "Save Paradise Forests", von der ich neulich im neuen EuroNatur-Magazin gelesen habe. Für mich ist das Fällen der Bäume im heimischen Forst schon schlimm genug, doch das Roden von Urwäldern ist noch einmal etwas ganz anderes. Wie mag es den Menschen vor Ort erst zumute sein, die ihren Urwald lieben?

 

Niedergeschlagen mache ich mich auf den Heimweg. Ich versuche mich an den Beginn meines Spaziergangs, die leuchtenden Blätter und Blumen zu erinnern, die ich entdeckt hatte. Es will mir nicht richtig gelingen. Zurück bleibt ein bitterer Nachgeschmack.




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