Buchvorstellung: "Die Krokuswiese" - Teil 2

Leseprobe

In ihren kunstvoll gewobenen Netzen warteten einige Spinnen auf Beute. Sie waren sehr gierig, daher hatten sie riesige Netze gesponnen. Mitunter stritten sie sich auch um die besten Plätze und wetteiferten, in wessen Netz sich die größte Beute fing. Manchmal kamen andere Spinnen und wollten ebenfalls ihr Netz in der Nähe weben. Doch das ließen die bereits ansässigen Spinnen nicht zu und jagten die Neuankömmlinge fort. Das Leben der Spinnen wurde von Gier, Neid, Konkurrenzkampf und Größenwahn beherrscht.

 

Eines Tages kam wieder einmal eine neue Spinne des Weges. Die Spinnen versuchten, sie mit allen Mitteln zu vertreiben. Es gelang ihnen jedoch nicht. Also zogen sie sich zurück, beobachteten die Neue und hofften, ihr eine Falle stellen zu können. Doch wie verwundert waren sie, als die Neue kein Netz spann, sondern nur einen einzelnen langen Faden. Sie fing auch keine Insekten, sondern begann auf ihrem Faden zu tanzen und machte akrobatische Kunststücke.

 

"Wer ist das?", fragten die Spinnen. "Und was tut sie da?"

Die Spinne hörte das Getuschel und rief hinüber: "Ich bin eine Seiltänzerin."

"Eine was …?", die anderen Spinnen konnten es nicht glauben. "Alle Spinnen sind Jäger", sagten sie, wie aus einem Mund.

"Ich nicht. Ich bin eine Seiltänzerin."

Die Spinnen waren irritiert, so etwas hatten sie noch nie gehört. "Aber von was lebst du? Vom Tanzen allein wirst du kaum satt werden!"

"Was wirst du auf diesem Weg schon erreichen? Du wirst es nie zu etwas bringen!"

"Die spinnt doch!"

 

Die Seiltänzerin wartete in aller Ruhe, bis die Spinnen sich ein wenig beruhigt hatten, dann sprach sie: "Ich folge meinem eigenen Sinn. Das Tanzen auf dem Seil ist mein Lebenselixier. Der Sinn meines Lebens ist es, andere mit meinen Künsten zu erfreuen und ihnen ein Lächeln auf die Lippen zu zaubern. Wo immer ich auftrete, mache ich andere glücklich. Das ist mehr als genug für mich." Nach einer Pause fügte sie hinzu: "Immer nur auf Beute lauern und miteinander wetteifern – macht euch das wahrhaft glücklich? Ich habe nicht den Eindruck, dass ihr zufrieden seid. Was ist es, das eurem Leben einen Sinn gibt? Habt ihr euch das schon einmal gefragt?"

 

Am Abend gab die Seiltänzerin ihre Vorführung. Immer mehr Käfer, Schmetterlinge, Würmer, Schnecken, Mäuse und Vögel kamen und sahen zu. Alle waren von ihrem Können begeistert. Die Spinne tanzte die ganze Nacht hindurch. Im Morgengrauen gab sie eine letzte Zugabe, in welcher sie mit einigen Tautropfen jonglierend über ihren Faden balancierte. Der Applaus und die Jubelrufe waren ein einziges Tosen. Die Seiltänzerin verbeugte sich und blickte zufrieden in die glücklichen Gesichter. Nur die anderen Spinnen lächelten nicht – sie waren neidisch.






Weitere Teile dieser Buchvorstellung:

Teil 1: Die Buchidee

Teil 2: Leseprobe


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