Buchvorstellung: "Das träumende Pfauenauge" - Teil 4

Meine Beziehung zur Natur

Mein Interesse an der Natur begleitet mich schon mein ganzes Leben. Bereits als kleines Kind machte es mich wirklich glücklich, einfach nur in der Natur zu sein und sie zu beobachten.

 

In der Schule waren die Naturwissenschaften für mich nicht uninteressiert. Doch mir fehlte dabei der direkte Kontakt zur Natur. Im Klassenzimmer wirkte das für mich alles so abstrakt. So sprang der zündende Funke erst vor einigen Jahren über. Es war während einer ornithologischen Führung auf einer ostfriesischen Insel. Ich war fasziniert davon, die Vögel nicht nur zu beobachten, sondern auch vor Ort etwas über sie zu erfahren. So kam es, dass ich plötzlich alles über die Natur lernen wollte. Ich besuchte in meiner Heimat am Bodensee weitere Exkursionen zu Kräutern und Gräsern, Insekten und Vögeln, Wald und Geologie. Zudem belegte ich umfassende Fernlehrgänge in Ökologie, Geographie, Physik und Chemie sowie den Kurs Naturkunde, der mir unter Einbeziehung verschiedenster Wissenschaften, einen guten Überblick über die Entwicklung unseres Planeten und allen Lebens geboten hat. Ich las auch viele Bücher zu diesen Themen und besuchte Museen. So lernte ich Stück für Stück Zusammenhänge, Lebensformen, Entwicklungen und vieles mehr in der Natur kennen. Zudem beschäftigte ich mich auch mit Philosophie und hinterfragte vieles, was die Menschen tun.

 

Während meinen Studien konnte ich so manche Hemmung, die ich zuvor gegenüber einzelnen Tieren gehegt hatte, abbauen. Ich erkannte, dass diese Ängste völlig unnötig waren und nur auf meiner eigenen Unwissenheit gründeten und auf Ängsten, die ich von anderen übernommen hatte. Ich weiß nun, was einzelne Tiere tun und dass jedes einzelne von ihnen für diese Welt wichtig ist und es verdient geachtet zu werden. Auch den Pflanzen lassen wir häufig viel zu wenig Respekt zukommen. Etwa glauben wir, in unseren Gärten würde viel Unkraut wachsen. In Wahrheit sind es nur Wildblumen und -kräuter, deren Namen und Bedeutung wir vielleicht noch nicht kennen. Wir sind fasziniert von exotischen Arten, dabei kennen wir nicht einmal alle, die vor unserer eigenen Haustüre leben.

 

Irgendwann gelangte ich an den Punkt, an dem ich gelernt hatte, alle möglichen Arten zu erkennen und zu beschreiben. Ich konnte sagen: Das ist eine Kohlmeise. Sie ist in Mitteleuropa überall häufig. Typisch sind das große weiße Wangenfeld, der schwarze Scheitel und der schwarze Längsstreif auf dem gelben Bauch. Ihr Gesang klingt wie ein aufgeregtes „zi-zi-te zi zi te“ ... Doch waren diese Beschreibungen, die mich die Wissenschaft gelehrt hatte, wirklich alles? War jede Kohlmeise genau das? Und alle Kohlmeisen genau gleich?

 

Ich verließ also meine Ordner und Bücher und ging wieder in die Natur, um sie vor Ort zu erforschen. Ich wollte selbst entdecken, wie sie wirklich ist. Meine Liebe zur Natur entfachte sich plötzlich auf eine völlig andere Art, als ich erkannte, wie lebendig sie ist und wie viel ich von ihr lernen kann. Bei meinen Beobachtungen stellte ich immer wieder fest, dass jedes Tier, jede Pflanze und vermutlich sogar jeder Stein, eine eigene Individualität haben. Und genau dahin gehend begann sich mein Blickwinkel zu verändern. Denn nicht nur Menschen sind eigenständige Individuen, die ihren eigenen Zielen folgen.

 

Jedes Lebewesen hat ein Äußeres, das die Wissenschaft zwar beschreiben und erklären kann. Es ist praktisch, Tiere und Pflanzen auf ihr Äußeres zu reduzieren. Der Mensch nimmt dadurch eine übergeordnete Rolle ein und es werden Hemmungen genommen, die uns ansonsten daran hindern würden andere Arten auszubeuten und für unsere Zwecke zu missbrauchen. Im Gegenteil, wenn wir jedem Geschöpf auch ein inneres Wesen zugestehen, verlangt dies ein achtsames Verhalten von uns allen anderen Lebensformen gegenüber. In der Natur töten Tiere nur aus dem Grund, weil sie überleben wollen. Doch wir Menschen haben dieses Prinzip offenbar vergessen, deshalb zerstören wir unsere eigene Lebensgrundlage. Wir töten und roden aus Habgier und Unachtsamkeit. Wir haben aber nicht das Recht, das Leben anderer Geschöpfe zu zerstören. Natürlich müssen wir uns von etwas ernähren und irgendwo wohnen. Aber wir sollten nie mehr nehmen, als wir tatsächlich brauchen.

 

Bereits Darwin hatte auf die Gefühle von Tieren hingewiesen. Doch damals war die Zeit offenbar noch nicht reif. Und auch heute gibt es viele Gegenstimmen. Die modernen Menschen konzentrieren sich zunehmend nur noch auf technische Geräte, dabei verlieren sie nicht selten ihre Sensibilität für andere Lebewesen. Doch es erheben sich immer mehr Stimmen, die in ihrer Gesamtheit eine Wende einleiten können und uns wieder näher zu unserer eigenen menschlichen Natur führen können.

 

In der Natur gibt es so viele wundervolle Geschöpfe und ich bin eines davon. Die Natur kann uns soviel geben und erzählen und lehren, wenn wir bereit sind, uns auf sie einzulassen. Ich spüre, dass ich die Natur auf diese Weise wieder ähnlich wahrnehmen kann, wie ich es als Kind getan haben musste, bevor Schule, Gesellschaft und Wissenschaft meinen Blick verschleierten. Durch diese Wandlung in meiner Wahrnehmung konnte ich auch mir selbst, dem Menschen der ich als Kind einmal war, wieder näherkommen. Dies wirkte sich auch auf meine Lebensziele aus.

 

All dies half mir, meinen eigenen Weg zu finden und es wies mir die Richtung für meine heutige künstlerische Tätigkeit. In den Texten und Fotografien dieses Bildbandes will ich die Natur vermitteln, wie ich sie wahrnehme, was ich von ihr lerne und wie glücklich uns die kleinen Dinge machen können. Natürlich habe ich mein angeeignetes Wissen nicht total verworfen. Auch wissenschaftliche Hintergründe fließen mit ein. Daraus ergibt sich eine ganzheitliche und umfassende Arbeit.

Wollen Sie nun wissen, wie ich von der Natur lerne? Dann freuen Sie sich auf Teil 5 dieser Buchvorstellung am nächsten Freitag.





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