Buchvorstellung: "Verirrt - Erzählung über ein Leben mit Hochsensibilität" - Teil 6

Hochsensibilität im Buch

Hochsensibilität ist eine Wesensart, bei der Betroffene stärker als andere auf Reize
reagieren, diese viel eingehender wahrnehmen und verarbeiten. Elaine Aron, die amerikanische Psychologin und anerkannte Hochsensibilitäts-Forscherin, hat Hochsensibilität mit folgenden vier Merkmalen definiert:


Erstes Merkmal ist eine ausgeprägte Sinnessensibilität, also eine feinere Wahrnehmung mit allen Sinnen. Ein weiteres Merkmal ist die intensive Emotionalität, durch welche alle Gefühle intensiver sind und länger nachhallen. Die leichte Übererregbarkeit kommt durch die starke Sensibilität und Emotionalität und führt bei Überreizung zur neuronalen und nervlichen Übererregung. Schließlich kommt noch die Verarbeitungstiefe dazu. Hochsensible denken vernetzter, tiefgründiger, übergreifender und schauen gerne über den Tellerrand. Einzelne Bereiche können zwar stärker oder schwächer ausgeprägt sein, aber nur wenn alle vier Merkmale zutreffen spricht man wirklich von Hochsensibilität.

Beispiele für entsprechende Merkmale aus dem Buch „Verirrt“:

Ausgeprägte Sinnessensibilität
„Zum Glück führte mein Weg bald wieder in eine stillere Gegend und zum Fluss
zurück. Das Plätschern des Wassers war, nach dem Motorenlärm, wie Musik in
meinen Ohren.“


„(…) sah ich mir traditionelle Norwegerpullover an. Die bunten Muster gefielen mir sehr. Leider kratzte die Schurwolle so, dass ich nicht einmal wagte, einen Pulli
anzuprobieren. Selbst mit einem Baumwollshirt darunter hätte er mir in kürzester Zeit ein extremes Unbehagen verursacht.“


„Lass uns endlich eine Pause machen, ich kann nicht mehr, der Weg ist ganz schön
heftig. Außerdem knurrt mein Magen schon so lange“, stöhnte ich, denn körperliche Bedürfnisse wie Hunger waren für mich oft schwer zu ertragen. Sie beeinträchtigten meine Konzentration und Leistungsfähigkeit bis hin zu einem starken Unwohlsein.
(…) „Ich laufe keinen Schritt weiter, bevor ich nicht etwas gegessen habe.“ (…) Erst
nach einigen Bissen konnte ich die herrliche Aussicht richtig genießen.“


Intensive Emotionalität
„Ganz still lag ich, innerlich war ich dafür umso aufgewühlter, hier tobte das Gewitter noch immer. Was hatte ich in der letzten Zeit nur alles mitgemacht? Allmählich zogen Bilder der vergangenen Jahre an mir vorüber.“


„(...) während einer kleinen Rast umkreiste uns ein laut schimpfender Rotschenkel. „Sicher hat er in der Nähe sein Nest und sieht in uns eine Gefahr“, vermutete ich. Vorsichtig gingen wir einige Schritte weiter und aus dem Revier des Vogels hinaus. Dieser merkte nun bald, dass er von uns nichts zu befürchten hatte und flog beruhigt davon.“

 

„Die stille Vollkommenheit des neuen Morgens überwältigte mich, die Welt wirkte wie neu geboren. (…) Zur Mittagszeit erreichten wir ein von Tagesausflüglern überbevölkertes Gebiet, mir wurde ganz beklommen, die kreischende Masse drohte mich zu ersticken.“


Leichte Übererregbarkeit
„Ich erinnerte mich noch gut an meinen ersten Arbeitstag. Die ganze Nacht hatte ich nicht geschlafen, weil ich sehr nervös war, wie meistens, wenn mich am nächsten Tag etwas Neues oder Ungewisses erwartet.“


„An einem düsteren, verregneten Wochenende saß ich in meinem Sessel und starrte vor mich hin, unfähig etwas zu tun. (…) Leere erfüllte mich, nur wenige wirre Gedanken kreisten in meinem Kopf, etwa, wie sinnlos doch alles war.“


„Ich konnte kaum noch Menschen um mich ertragen. Alle schienen so anders zu
sein, sie verstanden mich nicht oder wollten es vielleicht nicht. Ich war müde, mich an die Gesellschaft anzupassen, musste mich deswegen aber ständig erklären. Warum empfand ich so anders als sie? Es strengte mich an, mit ihnen zu sprechen oder etwas zu unternehmen, ich war lieber alleine.“


Erhöhte Verarbeitungstiefe
„Angst ist sicher nicht hilfreich, wenn man an einem solchen Abgrund steht, aber
Respekt sollte man auf jeden Fall haben, denn die Natur verzeiht keinen Fehltritt.
Darum hielten wir einen gebührenden Abstand ein, und ich dachte an die vielen
Menschen, welche sich mit ihren riskanten Taten oder Worten wichtig vorkommen. Allerdings ist vieles, was für wichtig genommen wird, nur ein Sandkorn eines großen Berges, wenn man es mit allen Wundern des Lebens vergleicht. In Anbetracht der vielen Steine auf dem Berg ist ein einzelnes Sandkorn eine unbedeutende Kleinigkeit. Natürlich gibt es Menschen, die mit ihrem speziellen Sandkorn glücklich und zufrieden sind, auch das ist in Ordnung. Manche wagen es jedoch nicht einmal, nach einem weiteren Sandkorn zu greifen oder den Blick ein wenig über den Tellerrand zu heben, um zu sehen, was das Leben noch zu bieten hat.“


„Heidekraut, Wachholder und niedrig wachsende Wiesen mit allerlei Kräutlein
bestimmten die Vegetation. Wie tapfer die kleinen Gewächse doch sind, dort zu
leben, wo die Natur am härtesten ist. Nur in einer Welt, in der die Großen nicht
existieren können, haben sie ihr Reich.“


„Ich konnte nicht mehr gegen meine Überzeugungen handeln und mich selbst
belügen. Dies hatte mich schon einmal in eine Krise gestürzt. Es ging mir nicht
darum, einfach nur Geld zu verdienen, das genügte mir nicht, ich wollte das
hervorbringen, was in mir steckte, und ich wollte so frei sein wie in meinem Traum.
Viele konnten nicht glauben, dass ich mein sicheres Einkommen aufgegeben hatte, ich empfand es dagegen nur als Befreiung. Natürlich brachte dies ein paar
Einschränkungen mit sich, mit Geld kann man sich zwar nahezu alles kaufen, aber
es macht nicht frei.“

Im abschließenden Teil gehe ich noch etwas näher auf das Thema Burn-out ein.





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